Wenn die Zinsen schon sehr niedrig sind, bringt eine weitere Zinssenkung wenig. In Kerneuropa waren die Finanzierungsbedingungen schon vor dem EZB-Schritt günstig, in den Krisenländern werden sie es auch hinterher nicht sein. Die Leitzinssenkung der EZB wird von vielen als überflüssig eingestuft.
IMK-Direktot Gustav Horn hält die Leitzinssenkung der EZB vom Donnerstag vor allem für einen symbolischen Schritt: „Auf der einen Seite signalisiert die EZB mit ihm, dass sie der Rezession im Euroraum Rechnung trägt. Dies mag helfen, die Märkte ruhig zu halten und die Erwartungen zu stabilisieren. Auf der anderen Seite überlagert die Krise des Euroraums diesen positiven Aspekt völlig“. Das ausgesprochen unsichere Umfeld verhindert Horn zufolge einen Effekt der Zinssenkung auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Die Lösung der Euro-Schuldenkrise bleibe deshalb das wichtigste Anliegen.

Nicht mehr als eine Atempause
Hans Reckers, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der öffentlichen Banken, sieht in der Zinssenkung keinen Schritt hin zu einer Lösung der grundlegenden Probleme, sondern lediglich eine mit billigem Geld erkaufte Atempause. Die Leitzinssenkung der EZB verschaffe den Krisenstaaten in der Währungsunion zwar Luft, um strukturelle Reformen anzugehen und ihre volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Die sich daraus ergebende zeitliche Entlastung will er aber nicht überschätzt sehen. Kai Carstensen vom Münchener ifo-Institut betrachtete die Zinssenkung in einem Kommentar als „Subvention für schwächelnde Banken“.
Die Grenzwirkung einer Leitzinssenkung
Zinssenkungen stimulieren im Idealfall die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Unternehmen und Verbraucher können günstiger Kredite aufnehmen und es kommt zu einem Wachstumsschub bei Konsum und Investitionen. Das führt im Bilderbuch der Ökonomie zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit und einem Anstieg der Staatseinnahmen. Zwei Effekte verhindern wahrscheinlich, dass die Zinssenkung vom Donnerstag diese Mechanismen in messbarer Größenordnung hervorrufen wird. Erstens ist der Zinssatz schon sehr niedrig – je niedriger das Zinsniveau bereits ist, desto geringer sind auch die Effekte einer weiteren Reduzierung. Zweitens helfen niedrige Zinsen Unternehmen und Privathaushalten nicht, die mit Überschuldung kämpfen oder die aufgrund eines fehlenden oder zu geringen Einkommens gar keinen Kredit erhalten (und ihn selbst dann nicht zurückzahlen könnten).
Die Nebenwirkungen des billigen Geldes
Die Realzinsen sind in der Eurozone seit langer Zeit negativ. Negative Realzinsen liegen vor, wenn der Zinssatz für kurzfristige Geldanlagen unter der gemessenen Inflationsrate liegt. Billiges Geld hat diverse Nebenwirkungen. Die Angst vor ausgeweiteten Kaufkraftverlusten treibt die Preise von Sachwerten. Dieser Effekt lässt sich auf einigen lokalen Immobilienmärkten in Deutschland genauso beobachten wie beim Anstieg vieler Rohstoffpreise in den vergangenen Jahren. Auch die vielfach kritisierte Spekulation mit Nahrungsmitteln wird durch die expansive Geldpolitik angeheizt: Je billiger Spekulanten sich Geld beschaffen können, desto eher investieren sie in Assets ohne Zins und Dividende. Auch die reale Wirtschaft nimmt Schaden. Billige Kredite führen zur Realisierung von unternehmerischen Konzepten mit wenig Tragweite und Substanz. Liegen die Zinsen hoch, verschwinden solche Projekte schnell vom Markt. Billiges Geld hält schlechte Unternehmen unnötig lange am Markt, was einer Verschwendung knapper Ressourcen gleichkommt.
Die Eurozone hat ein Solvenz- und Wettbewerbsproblem
Ein Blick auf Mario Draghis „dicke Bertha“ legt nahe, dass ein Mangel an billiger Liquidität nicht das Grundproblem der Eurozone ist. Die EZB hatte Banken im Dezember und im Februar insgesamt 1030 Mrd. Euro zum Leitzins von 1,0 Prozent für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Eine länger andauernde Wirkung stellte sich nicht ein. Eine Leitzinssenkung ändert nichts an der unterschiedlich gelagerten gesamtwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone und ebenso nichts an der grundlegend verschiedenen Schuldentragfähigkeit der Mitgliedstaaten der Währungsunion.
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