Seit der Einführung des Euros beschleicht die meisten Bürger das Gefühl, dass die amtliche Inflationsrate deutlich niedriger ist als der tatsächliche Anstieg der Preise. Ein Beispiel: Laut dem Teilindex des Statistischen Bundesamtes stiegen die Preise für Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen in den Jahren von 2002 bis einschließlich 2005 um insgesamt 6,4 Prozent. Wer beim Ausmisten auf Speisekarten aus DM-Zeiten stößt, könnte zu einem anderen Schluss kommen: Dass früher 20 DM für eine Pizza bezahlt worden sein sollen, mögen die meisten nicht glauben. Und das ist nicht der einzige Grund, der Zweifel an der offiziellen Inflationsrate rechtfertigt.

Die Gewichtung macht die Inflation

Das Statistische Bundesamt behauptet nicht einmal selbst, dass die Inflationsrate die Realität wiedergibt. Der amtliche Verbraucherpreisindex „gilt für den durchschnittlichen Konsumenten“. Und den, das räumen auch die Statistiker ein, „gibt es nur in der Theorie“. Der fiktive Durchschnittskonsument bildet die Basis für die Gewichtung des Warenkorbes, mit dem die Inflation berechnet wird. In dem Warenkorb sind 700 Güter enthalten. Die Inflationsrate ist der gewichtete Mittelwert dieser Güter. Die simpelste Manipulationsmöglichkeit besteht darin, Güter mit starkem und dauerhaftem Preisauftrieb mit einer zu geringen Gewichtung anzusetzen und so ihren Einfluss auf die Teuerungsrate zu untertreiben.

3,6 Prozent des Einkommens für Benzin?

Die Gewichtung des Verbraucherpreisindex sieht einen Anteil von 3,6 Prozent an den Gesamtausgaben für Kraft- und Schmierstoffe für Privatfahrzeuge vor. Wer 1500 Euro netto monatlich verdient und sein gesamtes Einkommen ausgibt, soll also 54 Euro im Monat an der Zapfsäule lassen. Eine einfache Rechnung: Bei einer monatlichen Fahrleistung von 1200 Kilometern, einem durchschnittlichen Verbrauch von sechs Litern pro 100 Kilometern und einem Benzinpreis von 1,50 Euro/Liter summieren sich die monatlichen Kosten auf 108 Euro. Das ergibt einen Anteil von 3,6 Prozent an den Ausgaben – wenn 3.000 Euro im Monat zur Verfügung stehen. Bei 1500 Euro im Monat sind es 7,2 Prozent. Wohlbemerkt: Die Anschaffung eines Fahrzeugs ist darin nicht enthalten.

3,1 Prozent für Bier und Zigaretten?

2,2 Prozent seines Einkommens gibt der amtliche Durchschnittskonsument für Tabakwaren und weitere 0,9 Prozent für Bier (aus dem Supermarkt) aus. 3,10 Prozent zusammen also für den „ungesunden“ Lebensstil. Bei 1500 Euro monatlich stehen für beide Posten 46,50 Euro zur Verfügung. Wer eine halbe Packung Zigaretten am Tag raucht, benötigt dafür allein schon rund 75 Euro. Bei den wenigsten Rauchern reichen 2,2 Prozent des Einkommens für das Laster aus. Nichtraucher geben nichts für Tabak aus. An diesem Posten wird besonders deutlich, dass der Verbraucherpreisindex für niemanden die Wirklichkeit abbildet.

10,4 Prozent für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke?

Auch wer gesund lebt, darf am Preisindex zweifeln. Den Ausgaben für Nahrungsmittel und alkoholischen Getränken billigen die Statistiker einen Anteil von 10,4 Prozent an den Gesamtausgaben zu. Bei 1500 Euro Nettoeinkommen sind das 5,20 Euro pro Tag. Ein solches Budget reicht für die meisten Erwachsenen nicht aus – selbst wenn auf Hummer und Kaviar verzichtet wird. Den größten Posten bildet mit rund 20 Prozent die Wohnungsmiete. Die soll im November um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonats zugelegt haben. Speziell aus den Metropolregionen wird anderes berichtet. Weitere wichtige Posten sind z. B. „andere Waren und Dienstleistungen“ mit 7,4 Prozent (z. B. Versicherungsdienstleistungen für den Verkehr, Ausgaben für die Reinigung) und „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“ mit 11,6 Prozent.

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