Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins für die Eurozone am Donnerstag wie im Konsens erwartet bei 1,5 Prozent belassen. Zugleich kündigte sie eine Fortsetzung ihrer Interventionen am Bondmarkt an. Experten rechnen im Jahresverlauf mit weiteren Zinserhöhungen. Der scheidende EZB-Präsident Jean-Claude Trichet warnte bei der turnusmäßigen Pressekonferenz zum Zinsentscheid vor Inflationsrisiken, was von Analysten als Signal für eine weitere Straffung der Geldpolitik interpretiert wird. Zugleich wies Trichet auf eine nachlassende Wachstumsdynamik hin, so dass es wohl bei einer Zinserhöhung bis zum Jahresende bleiben wird.

Intervention beruhigt Peripherie-Renditen
Die EZB hat offenbar schon während der Pressekonferenz am Anleihemarkt interveniert. Ihr Ziel dürfte eine Beruhigung der angespannten Situation sein. Zuletzt waren die Renditen und Risikoaufschläge für Staatsanleihen u.a. von Italien und Spanien deutlich gestiegen. Am Nachmittag zogen die Kurse wieder an: Die Renditen italienischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sanken auf Werte kurz über sechs Prozent und der Risikoaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen gab um mehr als 20 Basispunkte auf 357 Punkte nach.
Aktienmärkte auf Talfahrt
Die in dieser Woche ohnehin sehr schwachen Aktienmärkte gaben nach der Entscheidung der EZB weiter nach. Der Deutsche Aktienindex verbuchte den siebten Tagesverlust in Folge und notierte im Handelsverlauf zwischenzeitlich unter der Marke von 6400 Punkten. Der EuroStoxx 50 gab um 3,3 Prozent auf 2415 Punkte und nach und der US-Leitindex Dow Jones rutsche um mehr als 2 Prozent auf 11630 Punkte. Analysten kommentierten die starken Kursverluste der letzten Tage mit einer veränderten Wahrnehmung der Schuldenkrise durch die Marktteilnehmer.
Krise noch lange nicht vorüber
Die Konjunktur trübt sich zunehmend ein. Die nachlassende Dynamik in Europa wird begleitet von einer sehr schwachen US-Konjunktur und dämpfenden Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung in den Schwellenländern. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte einen Börsianer mit den Worten: „Alle wissen, dass viele Staaten über ihre Verhältnisse gelebt haben, aber niemand hat eine Lösung, wie das Problem in den Griff zu bekommen ist“. Auch charttechnische Gründe wurden angeführt: Der Deutsche Aktienindex hat das Tief vom März im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Japan unterschritten.
Regierungen und Notenbanken haben ihr Pulver verschossen
Immer klarer wird: Kommt es zu einer neuen Rezession (egal welches Ausmaß sie annimmt), müssen Regierungen und Notenbanken weltweit weitgehend untätig zusehen. Die Zentralbanken haben ihr Pulver längst verschossen: Das Zinsniveau ist in der Eurozone, den USA, Japan und Großbritannien sehr niedrig. Auch fiskalpolitische Konjunkturprogramme werden im nächsten Abschwung kaum möglich sein, weil das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Staaten dann noch weiter schwinden würde.
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